Anforderungen an ein Kostenrechnungssystem von Thomas Hönicke 1998
Um die Anforderungen an das Rechnungswesen benennen zu können, müssen zunächst die globalen Ziele des Unternehmens bekannt sein. Hieran muß sich das Rechnungswesen orientieren, um die Unternehmensziele optimal zu unterstützen.
An den folgenden Beispielen sollen die Hintergründe erläutert werden:
Kundenorientierung
Für ein modernes Unternehmen reicht es heutzutage nicht mehr aus, Produkte zu produzieren und zu verkaufen. Vielmehr muß dem Kunden eine Gesamtlösung als Kombination aus Beratung, Qualität und Service angeboten werden. Diese Bemühungen müssen langfristig angelegt sein, da das Vertrauen der Kunden nur durch konstante Leistungen gewonnen werden kann. Eine Frage des direkten monetären Nutzens wäre hier fehl am Platz.
Die Erfahrungen der Kundenbetreuer müssen mit der Produktentwicklung ausgetauscht werden, damit die Bedürfnisse des Kunden in die Produkte einfließen können.
Kostensenkung durch schlanke Prozeßketten
Das wichtigste Ziel bezüglich der Kostensenkung besteht in der Schaffung neuer Organisationsstrukturen mit denen schlanke, effiziente und damit kostengünstige Geschäftsabläufe realisiert werden können. Besonders im Logistikbereich sind die Anforderungen sehr hoch. Hier gilt es, eine leistungsfähige und flexible Organisation aufzubauen, die darüberhinaus wettbewerbsfähig bleibt.
Schnelle Reaktionsfähigkeit auf veränderte Rahmenbedingungen
Die Schnellebigkeit der heutigen Märkte erfordert eine ständige Anpassung an die sich hieraus ergebenen neuen Rahmenbedingungen. Gesetzliche Auflagen, neue Konkurrenzprodukte oder der Zusammenbruch ganzer Märkte erfordern flexible Unternehmensstrukturen und vor allem flexible Mitarbeiter.
Schlagkräftige und effiziente Forschung und Entwicklung
Durch konsequente Verkürzung der Entwicklungszeiten neuer Produkte sollen die Kosten für Forschung und Entwicklung reduziert werden. Dies bedeutet nicht, daß dadurch die Forschungsaktivitäten reduziert werden, es muß jedoch eine effizientere Nutzung der Kapazitäten stattfinden. Ein effizientes Controlling im Forschungsbereich ist dringend erforderlich und darf nicht durch Argumente wie "Controlling in der Forschung ist kreativitätslähmend" vom Tisch gewischt werden.
Ziele der Kosten- und Leistungsrechnung
Aus den genannten Unternehmenszielen müssen nun die globalen Ziele des Rechnungswesens abgeleitet werden. Diese dienen als Grundlage für die Bereitstellung entscheidungsrelevanter Informationen:
Einheitliche Betriebswirtschaft auf internationaler Ebene
Besonders die steigende Bedeutung des Exportgeschäftes in fast allen Branchen stellt eine große Herausforderung für das betriebliche Rechnungswesen dar. Die wachsende Internationalisierung der Industrie führt dazu, die Produkte dort zu produzieren, wo sie später auch verkauft werden. Forschung und Entwicklung sowie Vertriebsaktivitäten verlagern sich ebenfalls immer mehr in Richtung Kunde.
Um den hieraus entstehenden dezentral organisierten Konzern noch steuern zu können, ist ein Controlling-Konzept erforderlich, das zum einen die Informationsbasis des Rechnungswesens soweit vereinheitlicht, daß alle Mitarbeiter weltweit die gleiche Sprache sprechen, auf der anderen Seite aber die nationalen Gesellschaften nicht in ein Verwaltungskorsett schnürt und damit die notwendige Flexibilität am Markt verhindert.
Das oberste Ziel ist die Schaffung einer einheitlichen Betriebswirtschaft.
Durch die Schaffung einer einheitlichen Betriebswirtschaft in allen Tochtergesellschaften weltweit wird eine direkte Vergleichbarkeit des Zahlenmaterials und damit eine schnelle Reaktionsfähigkeit möglich. Beispielsweise müssen folgende Fragen aus den Zahlen des Rechnungswesens ohne Zusatzaufwand abzulesen sein:
Die Beantwortung dieser Fragen erfordert ein Rechnungswesen, das weltweit mit einer identischen Philosophie arbeitet. Bei der Kalkulation der Herstellkosten von Produkten müssen die gleichen Kostenbestandteile eingerechnet werden, damit nicht die berühmten Äpfel mit Birnen verglichen werden. Ein Vergleich der Kostenstrukturen verschiedener Landesgesellschaften ist nur sinnvoll, wenn die Kostenarten- und Kostenstellenstrukturen vergleichbar sind. Werden z.B. in Deutschland die Kosten der Geschäftsführung zu den Verwaltungskosten gezählt, in Italien jedoch direkt auf die Produkte verrechnet, so ist aus dem vorliegenden Zahlenmaterial ein direkter Vergleich nicht möglich, da die Basis nicht gleich ist. Einen weiteren Aspekt stellt der Prozeß der Planung dar. Auch hier sollte ein einheitliches Vorgehen angestrebt werden, um in den verschiedenen Ländern von den Mitarbeitern qualitativ gleichwertige Planzahlen zu erhalten.
Leistungsfähiges Planungs- und Kontrollinstrument
Einen wichtigen Bestandteil des Rechnungswesens stellt der Planungsprozeß dar. Dieser ist die Voraussetzung für eine aussagefähige Kostenkontrolle. Mit den kostenverantwortlichen Personen (Kostenplanern) sind im Planungsprozeß Ziele zu vereinbaren, die diese auch maßgeblich beeinflussen können und somit zu verantworten haben.
Es nützt jedoch nichts, Ziele zu vereinbaren, wenn die Nichterreichung dieser Ziele ohne Folgen bleibt. Dies ist häufig bei Unternehmen der Fall, die sich zwar den Luxus eines Planungsinstrumentes leisten, dieses jedoch nicht konsequent anwenden. Ebenso sind natürlich erreichte Ziele zu belohnen.
Darüber hinaus muß das Planungsinstrument so ausgelegt sein, daß es von den Mitarbeitern im Unternehmen akzeptiert und qualifiziert angewendet werden kann. Einheitliche Planungsabläufe sowie übersichtliche Planungsunterlagen sind hierfür die Voraussetzungen.
Forschungs- und Entwicklungskosten-Controlling
Eine weitere große Herausforderung für die Kostenrechnung in einem forschenden Unternehmen ist die Herstellung der Kostentransparenz im Forschungs- und Entwicklungsbereich (F&E). Bisher wurde dieser Bereich häufig aus einer strengen betriebswirtschaftlichen Betrachtung ausgegrenzt, da hierdurch eine Lähmung der kreativen Forschungsaktivitäten befürchtet wurde. Im Rahmen des ansteigenden Kosten- und Konkurrenzdrucks wird sich eine intensive Beschäftigung mit diesem enormen Fixkostenblock nicht vermeiden lassen. Neben den kostenrechnerischen Problemen der Zurechenbarkeit dieser Kosten werden sich zusätzliche Schwierigkeiten bei der Akzeptanz der Kostenkontrolle eines Forschers ergeben.
Anpassungsfähigkeit des Rechnungswesens
Auch mit dem größten Einsatz an Zeit und Geld wird es nicht gelingen, das absolute und endgültige Kostenrechnungssystem zu installieren. Vielmehr wird sich der Informationsbedarf, der an ein solches System gestellt wird, ebenso schnell ändern, wie der Markt, auf dem das Unternehmen tätig ist. Ein entscheidenes Ziel ist die notwendige Flexibilität, um schnell auf diese Anforderungen reagieren zu können.
Die Anforderungen an das Kostenrechnungssystem lassen sich direkt aus den globalen Unternehmenszielen ableiten. Im Vordergrund steht hierbei der internationale Aspekt, der eine Vereinheitlichung des Rechnungswesens weltweit erfordert. Unterstützende Maßnahmen werden durch eine einheitliche, leicht verständliche Planung gebildet. Die Kostenverantwortung wird an den Ort der Kostenentstehung delegiert. Es sollen nur die Kosten verantwortet werden, die maßgeblich beeinflußt werden können. Der hohe Gemeinkostenblock besonders im Forschungs- und Entwicklungsbereich ist durch geeignete Instrumente transparent zu gestalten und genauso unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten zu betrachten wie die übrigen Bereiche des Unternehmens. Eine liberale Informationspolitik versorgt jeden Mitarbeiter mit den erforderlichen Daten, ohne die Information als Herrschaftswissen zu betrachten. Bei allen Anforderungen, die an die Kosten- und Leistungsrechnung gestellt werden, darf der Wirtschaftlichkeitsaspekt für die Kostenrechnung selbst nicht vergessen werden. Das Kostenrechnungssystem muß schnell an neue Rahmenbedingungen angepaßt werden können.
Stand: 20.09.00